Netzwelt: High-Tech für den Dalai Lama


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High-Tech für den Dalai Lama

Von Maria Speck

Mit Rucksäcken voll Computerzubehör brach eine seltsame Mission in diesem Jahr in den Himalaja auf. Eine Gruppe von fünf Männern aus San Francisco brachte der Exilregierung des Dalai Lama in Indien die Wunder des Silicon Valleys.

Phuntsok Namgyai (l),Dan Haig (2.v.r.), Aris Salomon (r) mit Mitarbeitern des Dalai Lama Foto: Aris Salomon

Phuntsok Namgyai (l),Dan Haig (2.v.r.), Aris Salomon (r) mit Mitarbeitern des Dalai Lama Foto: Aris Salomon

Im Tal der fröhlichen Schneefälle gehören Turnschuhe zur Schreibausrüstung, wie anderswo die Computertastatur. Wer der Welt Neues von diesen Gipfeln mitteilen will, hat es nicht einfach. Ferngespräche sind unbezahlbar. Schlechte Leitungen machen Faxen zum Zufallstreffer. E-Mail? Na klar, aber bitte mit Turnschuhen. “Sneaker-net” nennen das die Männer, die aus einer anderen Welt in diese Täler des Himalaja in Indien gestiegen sind.

Und das geht so: Schreiben Sie Ihren Text auf dem Computer, in ASCII abspeichern, Diskette einpacken und los. Zwei Kilometer zu Fuß durch das Tal, bei jedem Wetter. Eine halbe Stunde später Diskettenübergabe am nächsten Computer. Erst jetzt kann der Text seine elektronische Reise um die Welt beginnen.

Dieses zeitaufwendige Turnschuh-Netz gehört in Dharamsala seit kurzem der Vergangenheit an: Zum E-Mailen können die 200 Mitarbeiter der Exilregierung des Dalai Lama jetzt am Schreibtisch sitzenbleiben. Der Regierungskomplex ist mit einem modernen Intranet ausgerüstet. Neue Software macht das Versenden von Mails zum Kinderspiel. Eine Web-Seite ist im Aufbau, um bald Exiltibeter rund um den Globus auf dem Laufenden zu halten.

Den Anschluß an das Informationszeitalter hat die Exilregierung einer ungewöhnlichen High-Tech-Mission aus dem kalifornischen Silicon Valley zu verdanken. Fünf Computerfreaks haben den fünfwöchigen “Arbeitsaufenthalt” auf eigene Faust organisiert.

Die Idee stammt von Web-Architekt Dan Haig. Der 33jährige brach zwar seine Dissertation über tibetische Medizin ab, sein Interesse für das 1950 von China annektierte Land blieb jedoch lebendig. Haig spricht tibetisch und war wiederholt in Dharamsala, das Tibetern seit ihrer Flucht als neue Heimat dient. 1995 traf er dort den Direktor des Computerzentrums, Phuntsok Namgyal, “den einzigen Menschen im Tal, der je vom World Wide Web gehört hatte”.

Diese Begegnung hatte ein elektronisches Geburtstagsgeschenk für den Dalai Lama zur Folge: Von San Francisco aus stellte Haig pünktlich zum 6. Juli 1996 die Web-Anschrift www.tibet.org ins Netz – das Adreßbuch für tibetische Hilfsorganisationen in der ganzen Welt.

Dem Tibetfan mit Pferdeschwanz ging aber nicht aus dem Kopf, wie träge nach wie vor die Informationen aus Dharamsala fließen. Endlich gelang es ihm, per E-Mail natürlich, den Direktor des Computerzentrums von der Zukunft zu überzeugen: Das veraltete Turnschuhnetz soll modernisiert werden, damit die Exilregierung schneller und effektiver die Weltöffentlichkeit erreichen kann.

Prompte Unterstützung erhält Haig von seinen Freunden, dem Webmaster Stefan Lisowski, dem Web-Designer Ari Salomon und dem Computerspezialisten Jack Burris. Nicht zu vergessen: Den “Pandimensional Telecom God”. Das steht auf der Visitenkarte von Richard Schneider, einem Internetexperten der örtlichen Telefongesellschaft und, vor allem, 3D-Fan.

Die Männer, im Alter zwischen 25 und 36 Jahren, sind fasziniert von dem High-Tech-Trip ans Ende der Welt. Sie investieren Jahresurlaub, freie Tage und Gehaltsausfall. Und sie packen ein: Hauptplatinen, Prozessoren, Modems, riesige Bohrer sowie Hunderte von Metern Stahl- und Koaxial-Kabel. Die Gesamtkosten liegen bei 60 000 Dollar. Spenden kommen für einen kleinen Teil der Kosten auf.

40 Stunden dauert die Reise nach Delhi, über Hongkong und Singapur. Eine zwölfstündige Busfahrt bringt sie weiter nach Dharamsala. Von da aus noch zwei Kilometer zu Fuß zum Regierungskomplex, begleitet von wilden Affen.

Am nächsten Morgen wollen sie loslegen – von wegen! Erst ist Teestunde angesagt. Das “örtliche Vorstellungsprotokoll” müssen sie einhalten, sonst dürfen sie “kein Gebäude berühren”, wie es Schneider formuliert. Stöhnend erzählen die Besucher aus dem Westen, wie sie eine Woche lang begrüßt werden: Einen Milchtee beim Gesundheitsministerium, einen Tee beim Erziehungs- und noch ein Täßchen im Innenministerium. Die Zeitplanung ist dahin.

Nur ein Besuch ist nicht eintönig: Die Männer erhalten eine der seltenen Privataudienzen beim spirituellen Oberhaupt der Tibeter. Der Dalai Lama begrüßt ihr Projekt, auch wenn er selbst, wie er ihnen gesteht, nichts von Computern versteht. Ihm sei aber klar, so Haig, “wie wichtig neue Technologien sind”.

Für 3-D-Fan Schneider geht ein Traum in Erfüllung. Zwar verschlägt es ihm bei der Audienz mit dem “big guy” der Tibeter zunächst die Sprache. Zuletzt aber rollt er doch seinen Ärmel hoch und zeigt dem Dalai Lama seinen kräftigen Oberarm. Dort prangt ein mit Spezialfarbe eingeritztes Tattoo. Mit 3-D-Brille bewundert “seine Hoheit” das dreidimensionale Körperkunstwerk.

Endlich ist die “Teeparty” vorbei. Zwischen ständigen Stromausfällen heißt es jetzt improvisieren: Verbindungsstücke müssen auf indisches Maß zurechtgefeilt und Kabelmassen von vorgestern entwirrt werden. Die Männer bohren und hämmern und hangeln gefährlich an Dächern entlang, um die Gebäude mit Datenkabeln zu verbinden. Sieben Ministerien und die Bücherei erhalten Anschlußbuchsen für das Netzwerk. Alte PC werden entstaubt, neue Ethernet-Karten machen sie fit für das Intranet.

Verfrühte Monsunregenfälle sorgen für weitere Unterbrechungen. Die Zeit drängt. Gegen Ende wieder Stromausfall. Verzweifelte Anrufe beim Elektrizitätswerk. In drei Tagen ist Abreise. “Im letzten Augenblick” kehrt der Strom zurück – das ehrgeizige Projekt kann vollendet werden.

Dutzende von PC im Regierungskomplex sind heute verbunden, immer neue werden angeschlossen. Um in der Anfangsphase zu helfen, bleibt Web-Architekt Haig für weitere vier Monate. Im Tal der fröhlichen Schneefälle entsteht eine “neue E-Mail-Kultur”. Die persönlichen Accounts sind ein Hit, ihre Zahl steigt schnell von sieben auf über 40.

In der Zeit beginnt Haig auch mit dem Aufbau eines neuen Domainnamens. Zwar informiert www.tibet.com aus London über den jahrzehntelangen Kampf der Exilregierung für Selbstbestimmung. In Dharamsala sind jedoch viele andere Organisationen der Exiltibeter angesiedelt, vom Jugendkongreß bis zur medizinischen Hochschule. Informationen versenden sie zur Zeit noch aufwendig per Post. Die neue Webadresse www.tibet.net soll bald Exiltibeter von Kanada bis Nepal verbinden. Nötig ist dafür freilich eine Satellitenschüssel. Eine Spendenaktion hat begonnen.

Seit Anfang des Monats gibt es Informationen aus Dharamsala zunächst über www.tibet.org. Den Auftakt macht das Tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie mit einer aktuellen Liste von politischen Gefangenen. Schon ein Bild des Dalai Lama genügt heute, so Menschenrechtsorganisationen, um jemand in Tibet hinter chinesische Gitter zu bringen.

Für den Dalai Lama hat sich der Besuch aus dem Tal des Silicons bereits in besonderer Weise bezahlt gemacht. Vor kurzem schlug ein Blitz in einen der besten Computer in Dharamsala ein. Gerade erst hatten die Kalifornier den Exiltibetern “die Wunder eines Zipdrive” vorgestellt. Die Daten sind gerettet: Auf dem Computer war die gesamte Korrespondenz seiner Hoheit gespeichert.

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